Zwangsarbeit: Individuelle Gewalt 

Auch in Darmstadt waren viele von den Gesetzen „Zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“, Boykotten und Pogromen betroffen und wurden bis 1939 aus dem Erwerbsleben gedrängt. Waren sie dann arbeitslos, begann nach einer Zeit, in der sie erstmal ihr Erspartes aufbrauchen sollten, die Zwangsarbeit. Doch welche Zwangsarbeiten mussten die Opfer der NS-Gesetzgebung und des NS-Terrors in Darmstadt leisten? Welcher Gewalt und körperlichen Schikanen waren sie während und durch die  Arbeiten im Straßenbau und städtischen Tiefbauamt ausgesetzt?

Auch in Darmstadt, konnten die Verfolgten des NS-Regimes der Zwangsarbeit nicht entkommen. Jüdische Bürger traf diese leider meistens besonders hart, da sie schwere körperliche Arbeit im Straßenbau leisten müssten. Für die erwerbslosen Männer gab es auch keinen Ausweg oder Fluchtmöglichkeit ins sogenannte Exil, um diesen Arbeiten zu entgehen.

Wenn staatliches Unrecht individuelle Täterschaft ermöglicht…

„Die Uhr, die du mir gegeben hast, bekommst du nicht mehr, denn die brauche ich und du kommst ja doch fort.“ (E. Eckstein).

Kommunale Arbeiten als Repressionsmaßnahme
Der Einsatz jüdischer Zwangsarbeiter in Darmstadt

Im Winter 1939/40 sind vermutlich 38 Juden für verschiedene Aufgaben in Darmstadt und Umgebung als Zwangsarbeiter eingesetzt. Elise Eckstein, die Ehefrau eines der Arbeiter, nennt: „1.) Aufbrechen der festgefrorenen Straßen, 2.) Reinigen von alten Mülleimern mit einer ätzenden Flüssigkeit, 3.) Umgraben eines steinigen Ackers zu einem Kartoffelacker, 4.) Straßenbauarbeiten an der Bergstrasse und zwar nur Steineklopfen und tragen derselben auf grössere Entfernungen, 5.) Kohlenausladen bei der Reichsbahn und den Kohlehändler[n] von Darmstadt.“ Neben den staatlichen und gesellschaftlichen Repressionen, denen die beteiligten Juden ohnehin schon ausgesetzt sind, verhält sich der städtische Vorarbeiter Georg Friedrich Späth zusätzlich sadistisch und nutzt seine Situation als Aufseher perfide aus, um sich zu bereichern. Seine Aufsicht ist von Brutalität und Schikane geprägt.

Zwangsarbeiter unter dem städtischen Aufseher Späth

Späth handelt generell übergriffig und rücksichtslos, beansprucht zu jeder Zeit das Geld und die Zeit der Juden und sucht sie und ihre Angehörige sogar in ihren Wohnungen heim. Im Arbeitsalltag kam es zu zahlreichen kleineren und größeren Vorfällen. Kranke durften nicht zu Hause bleiben und Bezugsscheine für Kleidung, die Späth ausgibt, müssen extra bezahlt werden. Als Gretel Meyer selbst einen Schein besorgt, „schrie und tobte“  er. Elisabeth Schäfer berichtet, ihr Mann habe Späth Geld geben müssen, um nicht schikaniert zu werden, ebenso wenn er wegen der Auswanderung der Familie einen Termin hatte. Frau Ranis, eine ältere Dame, fordert er auf, ihm Geld zu geben, und als sie dies nicht verweigert, würgt er sie, bezeugt Elise Eckstein. Er erpresst auch Wertgegenstände, beispielsweise soll Jakob Eckstein ihm eine Uhr reparieren und für die Zwischenzeit eine Ersatzuhr aushändigen, die Späth hinterher mit den Worten behält: „Die Uhr, die du mir gegeben hast, bekommst du nicht mehr, denn die brauche ich und du kommst ja doch fort.“ (E. Eckstein).

Mehrere Zeugen geben an, Späth habe sich an der symbolischen Entlohnung, die die Kohlehändler entrichten mussten, bereichert und „sich […] den Sonntag bezahlen l[assen].“ (Karl Wolf). Elise Eckstein berichtet, von den 0,75 Mark Stundenlohn habe Späth 0,25 Mark einbehalten und am Sonntag sei er bei Kohlearbeiten mit einer „selbst angefertigte[n] Liste“ herumgegangen und habe sich seine Überstunden bezahlen lassen. Späth selber behauptet, laut medizinischem Gutachten im Spruchkammerverfahren 1948, weder die Kohlebetriebe, noch die Behörden hätten ihn an Sonntagen bezahlt.

Handeln im Auftrag der Gestapo?

Späth gibt vor, im Auftrag der Gestapo zu handeln, und droht den Juden immer wieder, sie zu melden. Seine Schikanen beinhalten klar antisemitischen Terror, so beispielsweise den mehrfach bezeugten Spruch, den die Juden jeden Morgen vor der Arbeit aufsagen sollen: „Wir Juden sind schuld am Krieg, deshalb müssen wir vernichtet werden.“ Zeugenaussagen von Elise Eckstein und Anna-Marie Gans, Betty Landauer und Gretel Meyer, die ebenfalls Ehefrauen der Zwangsarbeiter waren, zeigen, dass diese angebliche Verbindung zur Gestapo durchaus plausibel erscheint. Er habe „Hand in Hand mit der Gestapo [ge]arbeitet“, so Gans. Ehemalige Kollegen Späths äußern sich hier skeptischer. „Er spielte sich großartig auf, rauchte ständig Zigaretten und gab an[,] im Auftrage der Gestapo zu handeln“, sagt Paul Schubert, der zur selben Zeit wie Späth als Vorarbeiter für das Tiefbauamt tätig war, 1948 vor Gericht aus. Zu den Sonntagsarbeiten meint er, sie geschahen „unter der Behauptung im Auftrage der Gestapo zu handeln. […] Er hat hierzu gar keine Berechtigung gehabt. Entweder waren das nun Schikane von ihm oder es geschah, um bei den Kohlenhändlern einen Vorteil zu genießen.“

Späth nutzt die Gestapo als Schreckgespenst, um seinen Erpressungen Nachdruck zu verleihen. Dass ausgerechnet ein als unzuverlässig bekannter Angestellter an/von höherer Stelle Einfluss gehabt/Weisung erhalten haben soll, klingt zunächst unwahrscheinlich. Doch dies ist für die Zwangsarbeiter nicht erkennbar. Sie haben schließlich die Erfahrung gemacht, dass staatliche Organe sich ihnen gegenüber ebenso brutal und willkürlich verhalten wie Späth.

Der Beitrag findet sich auch unter der Biografie Friedrich Späths, erarbeitet von Karen Bergemann >>>>Georg-Friedrich-Spaeth-Taeter/

Abbildung
HLA, HStAD H 3 Darmstadt Nr. 44575 (bearbeitet: Ausschnitt)
Zitate

HHStAW 520 / 05 14522 – Spruchkammerverfahren gegen Friedrich Späth


Wenn Macht zu Gewalt führt…

Hannah G. spricht über den städtischen Aufseher Friedrich Späth und wie er  seine Machtposition gegenüber den jüdischen Zwangsarbeitern extrem ausnutzt.


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