ARCHIVARBEIT

Kirsti Ohr
Was können, was und wie wollen wir erinnern?
Das sind die Fragen, die die Projektarbeit begleiteten und das Team immer wieder vor neue Herausforderungen stellten. Jugendliche brauchen Konzentration und Ausdauer, um Archivalien zu sichten, zu entschlüsseln und zu kontextualisieren. Und Archivalien fordern von ihnen Frustrationstoleranz, wenn sie ihre Fragen unbeantwortet lassen. Gleichzeitig verlangen sie die Auseinandersetzung mit Unrechtsprozessen und struktureller, systematischer, aber auch individueller Gewalt.
Durch Erinnerungsarbeit übernimmt man Verantwortung. Sie ist ein Bestandteil der Gestaltung der eigenen Gegenwart und Gesellschaft. Corona erforderte für das Team ein Umdenken, bot aber gleichzeitig neue Möglichkeiten, um die Geschehnisse in Darmstadt vor 80 Jahren zu benennen und der Verfolgten zu erinnern.

Bernhard Schütz
Warum erinnern?
Vor welchen Aufgaben stehen wir, wenn wir uns den Menschen der Vergangenheit zuwenden? Der Wunsch, die Entfernung zum historischen Subjekt zu überwinden, wird enttäuscht, wenn sich in der erhofften Annäherung erst die Ferne manifestiert. Das Problem der Erinnerungskultur ist die Verlockung einer affirmativen Identifikation mit den Opfern, weil sie – in falsch verstandener Empathie – allzu oft zur Okkupation des Anderen wird – und damit eben das verleugnet, was sie beansprucht: dessen Anerkennung. Es ist wichtig diese Gefahr mitzudenken – allein der aporetische Charakter einer erinnernden Solidarität bleibt bestehen und gleichzeitig ist Erinnerung die einzige Chance.
Hannelore Skroblies studierte von 1975 bis 1979 Geschichte und Politik an der Technischen Universität Darmstadt (TUD). Ab 1981 war sie zunächst wissenschaftliche Mitarbeiterin, später persönliche Referentin des Präsidenten der TUD, Prof. Dr. Helmut Böhme. Sie gestaltet Projekte der Darmstädter Geschichtswerkstatt, der sie seit deren Gründung 1983 angehört. Seit Mitte der 1990er Jahre ist sie Vorsitzende des Vereins, dessen Arbeitsschwerpunkte der Lokal- und Regionalgeschichte des NS-Regimes und der Alltagsgeschichte gelten.
www.darmstaedter-geschichtswerkstatt.de

„Die Projektarbeit bedeutet für mich, Teil eines historischen Aufarbeitungsprozess zu sein und somit Verantwortung zu tragen, durch die Auseinandersetzung mit der Person, die ihren Namen im NS-Regime abgenommen bekam.“
Yasmina E.I.


„Die Auseinandersetzung mit der NS-Zeit durch Archiv- und Aktenarbeit hat dazu geführt, dass wir auf individuelle Einzelfälle eingegangen sind. Zentraler Bestandteil war vor allem die Vertiefung der Motive der Handelnden.

Die Fokussierung auf eine bestimmte Position – Opfer oder auch Täter – hat einem die Möglichkeit gegeben nicht objektiv, sondern subjektiv an die Geschehnisse heran zu gehen.

Aus vielen Akten konnte man Ansätze von Legitimationen für spezifisches Agieren herausarbeiten. Meiner Meinung nach eine ganz neue Herangehensweise an das Thema, weil die Ursachen für das persönliche Vorgehen eines Menschen behandelt werden.“
Alanis H.

„Durch die Archivarbeit konnte ich besser nachvollziehen, was der systematische Terror für den Einzelnen bedeutet hat, nicht nur im Nazi-Regime, sondern auch im Prozess der Aufarbeitung und der juristischen Bestrafung nach der Befreiung.“
Johanna F.


„Die Archivarbeit war etwas ganz Neues und Spannendes für uns. Es war interessant und teilweise auch schwierig, die Quellen richtig zu lesen und zu interpretieren, da manche Aussagen sich widersprochen haben und wir manche Schriften auch schwer entziffern konnten. Doch es hat uns Spaß gemacht, die nächstmögliche Wahrheit herauszufinden.

Durch die Arbeit zu einer Familie, die in Darmstadt wohnte und deren älteste Tochter auf die Schule ging, auf die wir heute gehen, war ihre Geschichte präsenter.

Die Recherche war ganz anders als die Beschäftigung mit Geschichte, so wie wir sie aus der Schule kennen.“
Paula M. und Lilith O.

„Ich habe mich entschieden, bei der Geschichtswerkstatt mitzumachen, weil ich mich schon davor sehr für geschichtliche Ereignisse interessiert habe und die AG zusätzlich hoch angepriesen wurde.
Der Fakt, dass wir mit Archiven zusammenarbeiten werden, hat mich zusätzlich sehr interessiert. Wir arbeiten mit Informationen, die davor noch gar nicht wirklich bekannt waren.

Eigentlich dachte ich, dass ich genug vom Nationalsozialismus weiß, aber unsere Erforschungen haben mir eine neue Seite gezeigt. Es ist sehr interessant, nicht nur etwas über das generelle Thema zu erfahren, sondern über das Thema in Darmstadt – in der Stadt, in der ich aufgewachsen bin. Ich habe das Gefühl, dass das Thema so viel näher scheint und es ist super spannend, mehr darüber zu erfahren. Durch die Nennung von Wohnorten in Form von Adressen wirkt es sehr viel anschaulicher.
Besonders Augenzeugenberichte und Briefe waren spannend zu lesen, da man so nicht nur Zahlen, sondern auch Gefühle vor sich liegen hatte.“
Nelly K.

Karen B. spricht über Archivarbeit. Weitere Podcasts zu ihrer Arbeit finden sich unter:

>>>>http://recherche.video/2020/12/06/georg-friedrich-spaeth-taeter/

„Mich hat fasziniert, wie man aus verschiedenen Dokumenten, teilweise aus unterschiedlichen Jahrzehnten, zusammenhängende Geschichten erkennen kann. Tatsächlich hat man unter den Akten auch Quellen, die selbst schon jene kommentieren und interpretieren. Mit variierenden Ergebnissen.“ Karen B.
Hannah G. spricht über die Projektarbeit und den Umgang mit Archivalien. Sie zeigt über ihre Beschäftigung mit der Familie Rudolf Adler, welche Informationen den Archivalien entnommen werden können.

„An der Quellen-/Archivarbeit fand ich besonders spannend, mehr über individuelle Schicksale aus der Zeit des Nationalsozialismus zu erfahren. Denn meist ist man sich nicht so ganz bewusst, wie Ausgrenzung oder Deportation letztlich aussehen.“
Julia K.

Zur Vorstellung der Konzeption und der Rechercheergebnisse
Kirsti Ohr: Exzessives Täterhandeln in Darmstadt. In: Informationen 92 (2020), S. 34-38. >>>>informationen_92_Ohr
Kirsti Ohr / Bernhard Schütz: Vorträge „Die Biografie hinter der Archivalie“ auf Multiplikatorenveranstaltungen