„Aktion T4“ und „14f13“

Unter dem Namen „Aktion 14f13“ wurden die „kranken und schwachen“ KZ-Häftlinge nach Bernburg, Sonnenstein oder Hartheim deportiert und getötet. Neun der Männer, die zwischen April und August 1941 aus Darmstadt aufgrund ihres Glaubens und falschen Anschuldigungen verschleppt wurden, wurden derart zwischen dem 2. und 14. März 1942 in Bernburg und im Februar bzw. Mai 1942 in Hartheim ermordet. Der Prozess der „endgültigen“ Vernichtung betrifft damit alle aus Darmstadt Verschleppten: Keiner überlebte Zwangsarbeit und Konzentrationslager.  

Individuelle Dokumente KZ Buchenwald 1.1.5.3./ 6691106 ITS Digital Archives, Arolsen Archives
…wenn Dokumente sich widersprechen….

Korrespondenz 6.3.3.2./ 104698324 ITS Digital Archives, Arolsen Archives

Korrespondenz 6.3.3.2./ 104698327 ITS Digital Archives, Arolsen Archives

EinBlick in die „Lagerkommunikation“

KZ Buchenwald – „Heil- und Pflegeanstalt“ Bernburg
Der Lagerarzt des KZ Buchenwald, am 2. Februar 1942 an die Heil- und Pflegeanstalt Bernburg a.d. Saale:
„Betreff: nichtarbeitsfähige Juden im K.L. Buchenwald
[…]
Unter Bezugnahme auf die persönliche Unterredung wird in der Anlage in doppelter Ausfertigung eine Zusammenstellung der im K.L. Buchenwald einsitzenden nichtarbeitsfähigen und kranken Juden zur weiteren Veranlassung überreicht.“
Quelle: 1.1.5.1/ 5401224. ITS Digital Archive, Arolsen Archives  
 
„Heil-und Pflegeanstalt“ Bernburg – KZ Groß-Rosen

Aus dem „Einschreiben“ vom 3. März 1942 der „Heil- und Pflegeanstalt“ Bernburg, gezeichnet Godenschweig, an den Lagerkommandanten des KZ Groß-Rosen Arthur Rödl:
„In der Anlage übersenden wir eine Aufstellung in zweifacher Ausfertigung über 214 uns von Berlin aus dem dortigen Lager zur Verfügung gestellte männliche Häftlinge. Dieselben sind am 19. bzw. 20. 1. 1942 dortselbst ärztlich erfasst […] worden.
Wir bitten, uns Vorschläge zu unterbreiten, wie der Antra[n]sport durch Sie vor sich gehen soll. U.E. käme mit Rücksicht auf die weite Entfernung ein Bahntransport in Frage. In diesem Falle wären wir dankbar, wenn Sie es ermöglichen könnten, daß der Bahntransport mit den 214 Häftlingen dort am Montag, dem 23.3. 1942, ins [R]ollen kommt. […]
Uns erscheint der 24.3. 1942 als Ankunftstag der geeignetste, da wir in der Zwischenzeit von anderen Konzentrationslagern beliefert werden und für uns arbeitstechnisch ein Zwischenraum notwendig ist.
Sollte es Ihnen möglich sein, die Häftlinge in Omnibussen anzuliefern, so schlagen wir Ihnen die Anlieferung in zwei Transporten zu je 107 Häftlingen, und zwar am Dienstag, dem 24.3. und Donnerstag, dem 26.3. vor. […]
Quelle:
Auszug Anfrage des Generalstaatsanwalts beim Kammergericht Berlin an den ITS vom 27.9. 1966 – u.a. Ludwig Ranis, 6.3.3.5./ 105609707, ITS Digital Archive, Arolsen Archives

Fragen an Täter-Dokumente

Was ist das Besondere an diesen Dokumenten?

Die Kommunikation zwischen dem Lagerarzt des KZ Buchenwald und der „Pflegeanstalt Bernburg“ und das Einschreiben aus Bernburg an das KZ Groß-Rosen berichten sachlich von dem geplanten „Vorhaben“. Damit zeigt sich der routinierte Prozess der Entmenschlichung.

Vor allem das Einschreiben an den Lagerkommandanten Arthur Rödl verdeutlicht die Versachlichung von Menschen, indem er mehrfach die Begriffe wie „anliefern“, „beliefert werden“, „Anlieferung“  in Zusammenhang mit den nichtarbeitsfähigen Häftlingen verwendet.

Zeigen diese Dokumente die Vernichtung durch Arbeit?

Nur wenn man den Kontext kennt. Man darf sich von dem Begriff der „Heil- und Pflegeanstalt“ nicht täuschen lassen, sondern muss wissen, dass dort seit dem offiziellen „Ende“ der „Aktion T4“ seit 1941 die Ermordung von kranken und schwachen KZ-Häftlingen durch Kohlenstoffmonoxid erfolgte.

Wenn man dies weiß, bekommen / klingen Worte wie „zur Verfügung gestellt“ oder „zur weiteren Veranlassung überreicht“ eine andere Bedeutung. Die Entindividualisierung der Häftlinge erfährt hier ihren Höhepunkt. Wer nicht mehr arbeitsfähig ist – der Lagerarzt aus dem KZ Buchenwald nennt explizit das Wort arbeitsunfähig – wird endgültig vernichtet.

Insofern dokumentieren die Dokumente die Veranlassung des Todes und Beenden den Prozess der Vernichtung durch Arbeit.

Warum sind diese Dokumente so wichtig?

Wie man oben sehen kann, gibt es oft Widersprüche zwischen öffentlichen Dokumenten wie Sterbeurkunden und der lagerinternen Kommunikation oder Dokumentation. Deswegen ist es immer wichtig die Angaben in Täterdokumenten gegenzuprüfen, falls möglich, sich von der Rhetorik nicht blenden zu lassen: sprich: ihnen nicht einfach zu vertrauen. 


Wofür stehen „Aktion T4“ und „Aktion 14f13“?

Nicht nur „arbeitsuntaugliche“ KZ-Häftlinge wurden in Bernburg oder Schloß Hartheim ermordet. Auch Pflegepatienten wurden getötet. Die sog. „Aktion 14f13“ steht damit in Zusammenhang mit der „Aktion T4“ oder auch „Eu- bzw. E-Aktion“. Sie bezeichnet eine weitere Vernichtung. Anders als in den Konzentrationslagern, wie Buchenwald oder Dachau, werden „Rassenfremde“ bzw. geistig oder körperlich Behinderte mit Kohlenstoff Monoxid „vergast“, anstatt durch Arbeit „vernichtet“ zu werden. Die auch „Aktion Gnadentod“ genannte „Operation“ zielt darauf ab, die sog. „Volksgemeinschaft“ von „unwertem“ Leben zu „befreien“. Koordiniert wurde die ganze „Aktion“ von einer Zentrale in der Tiergartenstraße 4 in Berlin.

Auch wenn die wirkliche „Vernichtung“; sprich: Ermordung; erst 1939 beginnt, werden unter Erbkrankheiten leidende Menschen seit 1933 benachteiligt. So werden auf Grundlage des „Gesetzes zu Verhütung erbkranken Nachwuchses“ vom 14. Juli 1933 Menschen mit Erbkrankheiten zwangssterilisiert und nicht wenige sterben daran. Selbst die Geburt von diesen Menschen sollte verhindert werden. So wurde 1935 die Abtreibung für behinderte Kinder legalisiert. In weiteren Schritten wurde die Heirat und der Verkehr mit dieser „Personengruppe“ verboten. Ärzte wurden als Gutachter eingesetzt, die entschieden, wer starb und wer nicht. Dies kam vor allem nach Kriegsbeginn im September 1939 zum Tragen. Im besetzten Polen fanden die ersten Morde statt: Die Erschießungen von 2000 polnischen Patient*innen im Wald von Szpegawsk, südlich Danzig. Und wenig später, im Winter 1939, wurden im Wald von Piaśnica nachweislich über 1200 Patient*innen aus deutschen Pflegeanstalten erschossen. Versuche mit Kohlenstoffmonoxid folgten den Massakern und wurden in den Tötungsanstalten Bernburg und Schloß Hartheim eingesetzt. Dieser Vernichtungsmethode fielen seit 1939 Kinder, Erwachsene und psychisch Geschädigte aus dem ersten Weltkrieg zum Opfer. Offiziell gestoppt wurde die „Aktion T4“ im August 1941. Aber Pflegepatienten wurden weiterhin getötet. Diese „wilde Euthanasie“ wurde durch Überdosen von Medikamenten und Verhungern möglich. Und beendet waren die Ermordungen auch nicht: Unter dem Namen „Aktion 14f13“ wurden „kranke und schwache“ KZ-Häftlinge in Sonnenstein (Frühjahr 1941 bis August 1941), Bernburg (August 1941 bis Frühjahr 1943) und Hartheim (Frühjahr 1941 bis Ende 1944) getötet. Damit bediente sich die Administration der Konzentrationslager der zu Tötungszwecken umfunktionierten und genutzten „Heil- und Pflegeanstalten“. So wurden allein in der Tötungsanstalt Hartheim 12000 Personen aufgrund „Arbeitsunfähigkeit“ ermordet. Unter ihnen waren Max Marx und Heinrich Reiss aus Darmstadt.  

Diese Informationen wurden zusammengestellt aus:
https://gedenkstaette-bernburg.sachsen-anhalt.de/
http://schloss-hartheim.at
https://www.gedenkort-t4.eu/de
https://www.zeit.de/2011/04/Nationalsozialismus-Massaker-Piasnica/

Liste Euthanasietransport 1.1.5.1./ 5280798 ITS Digital Archives, Arolsen Archives

Bernburg

Die im Oktober 1875 als Krankenhaus erbaute „Tötungsanstalt“ Bernburg lässt sich in zwei Teile untergliedern. Eine „Nervenklinik“ in der wirklich therapeutisch gearbeitet wurde und eine „Heil- und Pflegeanstalt“, in welcher die Ankommenden (Behindert, Homosexuelle, Berufsverbrecher und zu schwache KZ-Häftlinge aus Buchenwald, Flossenbürg, Groß-Rosen, Neuengamme, Ravensbrück und Sachsenhausen) noch am Tag ihrer Ankunft vergast wurden. Die Anlage wurde im Spätsommer 1943 aufgelöst, aber Teile der Anstalt, zum Beispiel die Gaskammer, sind bis heute erhalten.

https://gedenkstaette-bernburg.sachsen-anhalt.de/

Schloss Hartheim

Das Renaissance-Schloss Hartheim, indem sich eine Pflegeanstalt befand wurde 1949 zu einer Tötungsanstalt umgebaut, die bis 1944 aktiv war. Hier wurden Häftlinge aus Dachau, Gusen und Mauthausen vergast. Vorher wurden sie allerdings noch einmal untersucht um festzustellen, ob Sie Zahngold besaßen, zusätzlich zur Untersuchung im jeweiligen KZ.

http://schloss-hartheim.at/


Abbildungen
Auszug aus Anfrage des Generalstaatsanwalt Berlin an ITS (1966) 6.3.3.5./105609707 ITS Digital Archives, Arolsen Archives.
Individuelle Dokumente KZ Buchenwald 1.1.5.3./ 6691106 ITS Digital Archives, Arolsen Archives.

Korrespondenz 6.3.3.2./ 104698324 ITS Digital Archives, Arolsen Archives.
Korrespondenz 6.3.3.2./ 104698327 ITS Digital Archives, Arolsen Archives.
Liste Euthanasietransport 1.1.5.1./ 5280798 ITS Digital Archives, Arolsen Archives.

Erarbeitet von Julia Kissinger


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