Die Namen der Verfolgten

„Es kam damals zu einem Prozess gegen den Aufseher Späth […] und trotzdem die meisten freigesprochen wurden, hat es Böhm doch fertiggebracht, alle Kameraden wieder zu verhaften.“ Alexander Haas, 1949

„Schutzh. angeordnet“ „Stapo Darmstadt“

Die im Staatsarchiv Darmstadt einsehbare Archivalie zu Haftkosten (HStADA G 24 Nr.1278, Bl. 126ff) dokumentiert zwischen dem 16. und 20. Juli 1940 eine Verhaftungswelle in Darmstadt. Im Oktober bestätigt ein Schreiben des Vorstands des Darmstädter Gefängnisses an den Generalstaatsanwalt dies: Mitte Juli sei „eine Anzahl Darmstädter Juden“ in Schutzhaft genommen worden, die nicht wie andere „nach einigen Tagen wieder entlassen wurden“ (HStAD G 24  1168/1, Bl. 19ff). Es bezieht sich auf die Personen, die Zwangsarbeit beim städtischen Tiefbauamt leisten mussten und unter der Aufsicht von Friedrich Späth litten. Im Dezember standen sie als Zeugen oder Mitangeklagte im Prozess gegen „Späth und Genossen“, wie er im NS-Jargon laut einem der Verteidiger, Dr. Winter aus Mainz, hieß, vor dem Darmstädter Landgericht. Die Unterlagen zu diesem Verfahren werden als verbrannt angeben. Allerdings dokumentiert eine Liste J, angefertigt von der Staatsanwaltschaft Darmstadt im September 1947, die Namen derjenigen, gegen die am 23. Dezember 1940 ein Urteil gesprochen wurde. Hier steht auch Dr. Carl Peter Callmann. Sein Urteil ist besonders: er wird freigesprochen. Dies entspricht der Darstellung in der Hessischen Landeszeitung, die von 21 Verurteilten und zwei Freisprüchen spricht und der Erklärung von Bruno Böhm im Spruchkammerverfahren gegen ihn 1949, der sich an einen Freispruch erinnert.

Die Häftlingspersonalbögen des KZ Buchenwald verlangen Einträge zu juristischen Verurteilungen und verhaftenden Behörden. Während der Sichtung dieser Täterdokument fiel auf, dass auch bei Personen, deren Verurteilung der bereits erwähnten Liste J nicht zu entnehmen sind, hier Haftgründe eingetragen sind und die Stapo Darmstadt als verhaftende Behörde angegeben wird. Sie verweisen damit direkt auf die Vorgänge in Darmstadt – verkehren aber die Tatsachen verkehren, indem sie Straftatbestände der Zwangsarbeiter suggerieren.

In dem Spruchkammerverfahren gegen den ehemaligen Gestapobeamten Bruno Böhm bezeugt Alexander Haas 1949 die Verhaftungen von Verurteilten wie Zeugen im Anschluss an die Hauptverhandlung. Der Gestapobeamte Bruno Böhm habe sie vorgenommen. Und stellvertretend für andere leistet Gretel Mayer, die Ehefrau eines der Opfer, 1948 Zeitzeugenschaft: „Obwohl mein Mann bei dem Prozess gegen Späth nicht belastet war, wurde er wie so viele andere seiner Kameraden, die lediglich als Belastungszeugen in diesem Prozess auftraten, sofort nach Beendigung der Verhandlungen erneut ins Gefängnis gebracht und von dort aus nach einiger Zeit in Konzentrationslager verschickt […].“ 

Zeugenaussagen:
Alexander Haas, Vernehmungsprotokolle und Aussagen im Rahmen des Spruchkammerverfahrens gegen Böhm, HHStAW520/05 29045.
Gretel Mayer, Eidesstattliche Erklärung (28. 2. 1948), HHStAW 520/05 29045, Bl.26.


Die Täterdokumente aus dem KZ Buchenwald suggerieren, dass für Nathan Landau, obwohl gegen ihm am 23. Dezember 1940 in Darmstadt kein Urteil ausgesprochen wird, Tatverdacht als Haftgrund vorliegt. Interessant ist auch, wie sich die Wortwahl auf den Häftlingskarten verschiebt: Der handschriftliche Eintrag: „In einer Bestechungsangelegenheit mitverhaftet ohne Anklageerhebung“ zu „Verdacht der Bestechung“.

Abbildungen
Liste J Darmstadt 2.1.1.1./70309734. ITS Digital Archive, Arolsen Archives.
Individuelle Dokumente KZ Buchenwald 1.1.5.3/ 6437217 und 6437217. ITS Digital Archive, Arolsen Archives


Dokumente geben EinBlick

Hier nun die Namen derjenigen, die im zwischen 16. und 20. Juli 1940 wohl anlässlich des Ermittlungsverfahrens gegen Späth verhaftet wurden und gegen die der Gestapobeamte Böhm „[…] wegen passiver bzw. aktiver Bestechung“ ermittelt habe. Unter ihren Namen sind das Verhaftungsdatum, der Hinweis auf ein Urteil am 23.12.1940 und, nach momentanen Recherchestand, Einträge auf Täterdokumenten aus dem KZ Buchenwald notiert. Informationen aus weiteren Dokumenten oder Literatur sind in der Zusammenstellung nicht vermerkt, da hier die Schwierigkeit der Quellenlage dokumentiert werden soll und auch der Rechercheprozess noch nicht abgeschlossen ist.

 

Adler, Rudolf
verhaftet am 18.07.1940
verurteilt am 23.12.1940 durch das Landgericht Darmstadt
In Täterdokument des KZ Buchenwald verzeichneter Haftgrund: Erpressung
Barcharch, Friedich
verhaftet am 19.07.1940
verurteilt am 23.12.1940 durch das Landgericht Darmstadt
In Täterdokument des KZ Buchenwald verzeichneter Haftgrund: Bestechung
Callmann, Carl Peter, Dr.
verhaftet am 18.07.1940
verurteilt am 23.12.1940 durch das Landgericht Darmstadt: Freispruch
David, Theodor
verhaftet am 20.07.1940
Eckstein, Jakob
verhaftet am 19.07.1940
verurteilt am 23.12.1940 durch das Landgericht Darmstadt
In Täterdokument des KZ Buchenwald verzeichneter Haftgrund: Bestechung
Ehrmann, Bertold
verhaftet am 16.07.1940
Gans, Siegfried
verhaftet am 18.07.1940
verurteilt am 23.12.1940 durch das Landgericht Darmstadt
Gernsheimer, Julius
verhaftet am 19.07.1940
verurteilt am 23.12.1940 durch das Landgericht Darmstadt
In Täterdokument des KZ Buchenwald verzeichneter Haftgrund: Bestechung eines Aufsehers
Grünfeld, Maximilian
verhaftet am 19.07.1940
verurteilt am 23.12.1940 durch das Landgericht Darmstadt
Grünfeld, Philemon/Gottfried
verhaftet am 19.07.1940
Gutenstein, Emil
verhaftet am 18.07.1940
verurteilt am 23.12.1940 durch das Landgericht Darmstadt
In Täterdokument des KZ Buchenwald verzeichneter Haftgrund: in einer Bestechungsangelegenheit verhaftet und verurteilt
Haas, Arthur
verurteilt am 23.12.1940 durch das Landgericht Darmstadt
Hess, Bruno
verhaftet am 19.07.1940
verurteilt am 23.12.1940 durch das Landgericht Darmstadt
Kahn, Ludwig
verhaftet am 19.07.1940
verurteilt am 23.12.1940 durch das Landgericht Darmstadt
In Täterdokument des KZ Buchenwald verzeichneter Haftgrund: Bestechung
Landauer, Nathan
verhaftet am 19.07.1940
In Täterdokument des KZ Buchenwald verzeichneter Haftgrund: in einer Bestechungsangelegenheit mitverhaftet ohne Anklageerhebung
Löb, Gustav
verhaftet am 19.07.1940
Mainzer, Israel
verhaftet am 19.07.1940
Mainzer, Samuel
verhaftet am 19.07.1940
verstorben Sept. 1940 (Rundeturmgefängnis Darmstadt)
Marx, Max
verhaftet am 19.07.1940
May, Josef
verhaftet am 18.07.1940
verurteilt am 23.12.1940 durch das Landgericht Darmstadt
In Täterdokument des KZ Buchenwald verzeichneter Haftgrund: Beamtenbestechung
Mayer, Josef
verhaftet am 19.07.1940
In Täterdokument des KZ Buchenwald verzeichneter Haftgrund: wurde erpresst ohne Anzeige zu erstatten
Mayer, Leopold
verhaftet am 19.07.1940
Mayer Wilhelm
verhaftet am 18.07.1940
verurteilt am 23.12.1940 durch das Landgericht Darmstadt
Nassauer, Sally (Samuel)
verhaftet am 19.07.1940
In Täterdokument des KZ Buchenwald verzeichneter Haftgrund: Bestechung eines Arbeitgebers
Oppenheimer, Gustav
verhaftet am 19.07.1940
Ranis, Ludwig
verhaftet am 18.07.1940
verurteilt am 23.12.1940 durch das Landgericht Darmstadt
Reiss, Heinrich
verhaftet am 19.07.1940
Schäfer, Efraim/Fritz
verhaftet am 18.07.1940
In Täterdokument des KZ Buchenwald verzeichneter Haftgrund: NS wegen Bestechung
Simon, Herrmann
verhaftet am 18.07.1940
verurteilt am 23.12.1940 durch das Landgericht Darmstadt
In Täterdokument des KZ Buchenwald verzeichneter Haftgrund: Bestechung
Simon, Karl
verhaftet am 19.07.1940
In Täterdokument des KZ Buchenwald verzeichneter Haftgrund: Beamtenbestechung
Sobernheim, Jakob
verhaftet am 19.07.1940
verurteilt am 23.12.1940 durch das Landgericht Darmstadt
In Täterdokument des KZ Buchenwald verzeichneter Haftgrund: Bestechung
Sobernheim, Marie
verurteilt am 23.12.1940 durch das Landgericht Darmstadt
Steinberg, Rudolf
verhaftet am 19./20.07.1940
Westerfeld, Sigmund
verhaftet am 19.07.1940
Wolf, Nathan
verhaftet am 18.07.1940
verurteilt am 23.12.1940 durch das Landgericht Darmstadt

 


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