Statt Ausbildung – Zwangsarbeit

Auf dem Bild oben sieht man einen Gedenkstein, der vor unserer Schule, der Viktoriaschule, steht. Auf ihm stehen „vier Namen für viele [:] Liese Juda [,] Erika Dahlerbruch [,] Anneliese Trier [und] Irmgard Schäfer“. Außerdem steht auf der anderen Seite „Gegen Vergessen und Gleichgültigkeit“.

Warum stehen diese Namen auf dem Gedenkstein?

Wir haben nachgefragt. Die Namen gehören zu vier jüdischen Schülerinnen, die die Viktoriaschule besuchten und während des Nationalsozialismus‘ der Schule verwiesen wurden. Das hat uns neugierig gemacht und wir haben uns mit Irmgard Schäfers Leben und dem ihrer Schwester Cilli Margot näher beschäftigt.

Wer waren Irmgard und Margot Schäfer?

Irmgard ist am 28. August 1923 in Darmstadt geboren. Sie besuchte die Viktoriaschule. Ihre kleine Schwester Margot Schäfer ist am 2. April 1926 in Darmstadt geboren und besuchte die Mornewegschule. Sie waren noch keine zehn Jahre alt, als die Nationalsozialisten an die Macht kamen und durch Entrechtungs- und Verfolgungspolitik ihr Leben zunächst erschwerten, dann zerstörten und vernichteten. Bereits 1933 wurde ihr älterer Bruder Wolfgang von einem HJ-Führer misshandelt, so dass eine Operation nötig war, an deren Folgen er starb (HHStAW 520/ 05 29045). Damit zeigt die Aussage der Mutter, wie früh der Antisemitismus in Darmstadt zu Gewalt führte und Leben und Familien zerstörte. Er bestimmte auch das Leben von Irmgard und Margot Schäfer seit spätestens 1933, so sehr auch die Mutter versuchte, ihre Töchter zu schützen.

 

In der Osannstraße 4 verlegte der Arbeitskreis Stolpersteine die Stolpersteine für Efraim Schäfer und seine Töchter Margot und Irmgard.

Wie lebte die Familie?

Irmgard, Margot und ihr älterer Bruder Wolfgang waren die Kinder von Efraim/Friedrich und Elisabeth Schäfer. Die Familie wohnte in einem „eigenen Haus in der Osannstraße Nummer 4 und hatt[e]  dort eine Wohnung von acht Zimmern.“ Sie konnten sich als Hilfe „im Haushalt eine Putzfrau und ein Dienstmädchen und viele Jahre hindurch auch ein Kindermädchen“ leisten. Der Vater besaß „ein sehr gutgehendes Geschäft“, das „Eier, Zucker, Käse, Butter und Dosenmilch“ in den „Odenwald und [die] Bergstraße“ lieferte. Die Mädchen „erhielten Klavierunterricht von einer Lehrerin, die ins Haus gekommen ist“ und auch die Mutter nahm „Gesangsunterricht […] bei der Opernsängerin Momber-Manecke“. Außerdem war „die Familie vor 1933 in Norderney [und an anderen Orten] in Urlaub“. Daran kann man sehen, wie wohlhabend die Familie war und wie viel Wert auf Kultur und Erziehung gelegt wurde. Die Angestellten des Unternehmens beschreiben in ihren Aussagen im Rahmen des Entschädigungsverfahren außerdem noch die freundliche Atmosphäre am Arbeitsplatz und Efraim Schäfer als gerechten und großzügigen Arbeitgeber, der auch bei seiner Kundschaft beliebt war. (HHStAW 518 28257, 77, 81-84)

Was ist mit der Familie passiert?

Efraim Schäfer war „Volljude“ und seine Frau Elisabeth war zum Judentum konvertiert. Auch die Töchter wurden als Jüdinnen gesellschaftlich und schulisch ausgegrenzt. Ostern 1936 wechselte Margot von der Mornewegschule auf die jüdische Schule. Im selben Jahr versuchte die Familie auszuwandern. Aber erst 1939 bekamen sie die Erlaubnis nach Australien zu emigrieren. „Die Schiffsfahrkarten konnten sie aber erst für Herbst 1939 erhalten, da alle Plätze schon besetzt waren.“ Im Herbst 1939  war die Ausreise dann wegen des Krieges jedoch nicht mehr möglich. Noch im März 1941 versuchte die Familie in die USA auszuwandern. Efraim Schäfer befand sich zu dem Zeitpunkt schon in Schutzhaft im Rundeturmgefängnis in Darmstadt. Trotzdem stellte Elisabeth Schäfer das Gesuch um ein amerikanisches Visum. Auch dieser Versuch konnte nicht verwirklicht werden und die Familie blieb in Darmstadt.  Hier waren sie weiteren Schikanen ausgesetzt. Um diese abzuschwächen, kämpfte die Mutter dafür, dass ihre Töchter als „jüdisch[e] Mischling[e] (Halbarier) 1. Grades anerkannt und behandelt“ werden. Sie meldete sie am 15. September 1941 „bei der jüdischen Religionsgemeinde Darmstadt förmlich“ ab. Trotzdem wurde die Polizeiverordnung über Kennzeichnung der Juden angewandt und Irmgard und Margot Schäfer mussten „den Judenstern […] tragen“ (HHStAW 518 28257, Bl. 287). 

Warum war der Vater inhaftiert?

Efraim Schäfer wurde „am 18. Juli 1940 […] im Auftrag von dem früheren Gestapoangehörigen Böhm verhaftet“, musste Zwangsarbeit leisten und wurde „im März [19]42 in Buchenwald“ ermordet. Er wurde wie andere jüdische Männer zur Zwangsarbeit beim städtischen Tiefbauamt verpflichtet und von dem Aufseher Friedrich Späth erpresst (siehe unter „Zwangsarbeit“ und „Prozess“). Elisabeth Schäfer berichtet in ihrer Aussage anlässlich des Spruchkammerverfahrens gegen Böhm 1948, wie sie und ihre Töchter versuchten mit allen Mitteln den Vater in ihr Zuhause zu holen. Sie wohnten aber nicht mehr in der Osannstraße, sondern mussten ihre Wohnung „auf Betreiben von Böhm mehrmals wechseln.“ Oktober 1941 wohnten sie in der Kranichsteiner Straße 35, also unter der Adresse der Familie Mainzer. Elisabeth Schäfer bezeichnet „Böhm als den Schuldigen an dem Tode [ihres] Mannes, denn er hat [ihr] oft zu verstehen gegeben, daß er ihn in’s Kz. bringen würde“. Böhm sei ein „rücksichtsloser, brutaler Beamter, der keine menschlichen Regungen walten ließ“. Ihr selbst habe er während einer Vorsprache  „kalt in’s Gesicht [gesagt]: ,Ihre Kinder werde ich Ihnen wegnehmen und Sie werden sich dann wieder verheiraten und alles vergessen.‘ Aus diesen Worten kann man ohne Weiteres schließen, daß auch er mitschuldig an dem Tode meiner beiden Töchter ist“ (HHStAW 520/ 05 29045 Aussage Elisabeth Schäfer vom 6.3.48). Aus Angst vor dem Gestapobeamten Böhm habe ihre Schwester Elisabeth Schäfer dann ihre Töchter „kaum auf die Strasse gelassen“, sagt Sophie Kaltwasser nach 1945 aus (HHStAW 520/ 05 29045, 20.4.1949).

Was ist mit den Mädchen passiert?

Nachdem Irmgard und Margot „zum Besuch der Viktoriaschule [und Mornewegschule] nicht mehr zugelassen“ worden waren, mussten sie die „jüdische Bezirksschule“ besuchen. Jetzt unterscheiden sich die Aussagen der Dokumente. Während das Schreiben des Reichsstatthalters besagt, Irmgard und Margot hätten „ihre Schulausbildung beendet“ (24. Oktober 1941, HHStAW 518 28257 Bl. 287), spricht eine Freundin der Familie davon, dass Margot „wegen ihrer juedischen Abstammung zwangsweise an die juedische Schule ueberwiesen wurde und kurze Zeit darauf wegen der antijuedischen Massnahmen gaenzlich unterbrechen musste.“ (HHStAW 518 28257 Bl. 523)
Beiden Mädchen gelang es, eine Ausbildungsstelle zu finden. „Irmgard Schäfer war von 1940 bis 1942 als Lehrmädchen“ bei der „Modistin Frank“ beschäftigt und auch „Margot Schäfer war von ca. 1940 bis 1942“ „Lehrling bei der Photographin Eva Collmann“. Inwiefern diese Ausbildungsberufe freiwillig gewählt wurden bzw. ihren Berufswünschen entsprachen, geben die Quellen nicht her. Fakt ist, sie konnten ihrer Schulausbildung nicht wie gewünscht nachgehen.

Zwangsarbeit und Deportation

Irmgard Schäfer konnte ihre Ausbildung nicht abschließen. 1942 wurde sie in der Karlstraße 56, während ihrer Arbeitszeit im Atelier der Modistin Frank, von der Polizei abgeholt, bezeugt die Inhaberin. Auch Margot Schäfer verlor ihren Ausbildungsplatz 1942 und musste wie ihre Schwester „in der Weberei Hering Zwangsarbeit leisten“ (HHStAW 518 28257 Bl. 132). Dieses Unternehmen wird in manchen Quellen auch als „Wäscherei Hering“ oder „Textilwerk Darmstadt-Gebrüder Hering“ bezeichnet. Der Arbeitseinsatz der Mädchen in dem Betrieb in der Sandbergstraße 16 dauerte ungefähr drei Monate. 1956 bestätigte der Inhaber Ludwig Hering, dass die „Geschwister Schäfer […] im Jahre 1943 als Arbeiterinnen“  dort beschäftigt waren und „durch die Gestapo verhaftet“ wurden. (HHStAW 518 28257 Bl. 201). Die Aussage, dass die Schwestern an ihrem „Zwangsarbeitsplatz […] verhafte[t] und nach Auschwitz deportier[t]“ wurden, bestätigen auch andere Dokumente (HHStAW 518 28257 Bl. 40). Irmgard war damals 19 Jahre, Margot erst 16.  

Die Stolpersteine liegen an dem letzten selbstgewählten Wohnort der Familie. In Darmstadt wurden Irmgard und Margot und ihre Mutter Elisabeth mehrfach zu Umzügen gezwungen.
(Siehe auch Jutta Reuss/ Dorothee Hoppe: Stolpersteine in Darmstadt (2013)

Die Verhaftung

Fest steht, dass die Töchter von Elisabeth Schäfer während ihrer Zwangsarbeit verhaftet wurden. Auch finden sich in den Unterlagen zum Ermittlungs- und Strafverfahren gegen Bruno Böhm konkrete Hinweise auf die Verhaftung. Die Mutter gibt anlässlich des Spruchkammerverfahrens gegen Bruno Böhm 1948 an: „Meine Töchter wurden dam[a]ls von den Gestapobeamten Unmacht und Fürstner geholt. Auftraggeber war der frühere Kriminalsekretär Albert Dengler. Es ist anzunehmen, daß auch Böhm hierbei seine Hände im Spiel hatte“ (HHStAW 520 / 05 29045).

Doch Dengler, wie Böhm auch, bestreitet „mit der Festnahme der beiden Schwestern Irmgard und Margot Schäfer etwas zu tun gehabt zu haben. Die Sache sei von Kriminalrat Hellenbroich selbst bearbeitet worden.“

Jakob Hering, einer der Besitzer der Weberei, war bei der Festnahme zugegen. Nach eigenen Angaben kam es zwischen ihm und den beiden Gestapobeamten zu einer Auseinandersetzung „wegen der Wegnahme der Mädchen aus dem Betrieb“. Er erinnert sich, diese nicht mit Dengler geführt zu haben und kann die Gestapobeamten beschreiben. Aufgrund dieser Aussage vermutet Dengler, dass Stattmann und Raaf die Festnahme durchgeführt haben könnten. Anders als Kriminalsekretär Karl Unmacht, Fürstner und Karl Stattmann, der erst 1943 nach Darmstadt kam, war Michael Raaf nicht im Referat IV B2 (Juden) tätig. Auch waren beide Gestapobeamte nach Urteil des amerikanischen Gerichts 1947 in einem der „Dachau-Prozesse“ verurteilt und in Landsberg hingerichtet worden (vgl. HStAD H 13 DA 198 Bl.9). 

Was geschah nach der Deportation?

In einem Formular „COMBINED DISPLACED PERSONS EXECUTIVE“ vom 15. Oktober 1945 heißt es „The two sisters came at first to the prison at Plauen/Vogtland, where their mother visited them”. (Übersetzung: Die zwei Schwestern kamen zuerst in das Gefängnis bei Plauen/Vogtland, wo ihre Mutter sie besuchte.) Elisabeth Schäfer versuchte die ganze Zeit über ihre Töchter zu befreien. So sprach sie beispielsweise „bei Frau Winifred Wagner vor […] und [bat] diese um Befreiung ihrer unschuldigen Kinder“. Außerdem machte sie „Eingaben an die Gestapo in Berlin“. An dem Kontakt zu der ihr bekannten Frau des Komponisten Siegfried Wagner kann man erkennen, wie sehr sie kämpfte.  An den Eingaben nach Berlin, dass sie jeden Weg mutig versuchte. Doch sie erreichte damit leider nichts und „Böhm [drohte] ihr an, dass ihr dasselbe Schicksal wie ihren Kindern zu teil werde“ (HHStAW 518 28257 Bl. 40).

Einmal hörte sie noch etwas von ihren Töchtern: Von Irmgard erhielt sie „im September [19]43 Post ohne Datum, aus dem Lager Birkenau bei Auschwitz“. Irmgard, die im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau die Nummer 45575 eintätowiert bekommen hatte, war jedoch bereits „am 16. August 1943 [in Auschwitz] an Kachexie“ (HHStAW 520 / 05 29045) gestorben. Das bedeutet sie entkräftete und verhungerte aufgrund der schlechten Bedingungen; also wurde sie umgebracht. Auch Margot Schäfer wurde in Auschwitz „Ende 1944“ ermordet.

 

Die Suche nach den Töchtern

Elisabeth Schäfer suchte nach dem Krieg weiter nach ihren Töchtern und erfuhr erst spät, dass sie ermordet worden waren. In einem Schreiben an die US Army bittet sie ihre „beiden Töchter einmal durch’s Radio zu geben“. Diese und viele weitere Schreiben bezeugen ihre nicht endenden Bemühungen, die Töchter wiederzufinden. So sehr Elisabeth Schäfer versuchte, ihre Töchter zu schützen, „trotzdem war es vergeblich“ (HHStAW 520/ 05 29045, 20.4.1949, Sophie Kaltwasser)

Korrespondenz Margot Schäfer: 6.3.3.2. / 85610408-423 ITS Digital Archive, Arolsen Archives.

>>>>Zum Schicksal von Efraim Schaefer hier unter „Enteignungen“

 >>>>vertiefend zu individuellem Taeterhandeln_Georg-Friedrich-Spaeth-Taeter/


 

Abbildung
Korrespondenz Margot Schäfer: 6.3.3.2. / 85610408-423 ITS Digital Archive, Arolsen Archives.

Quellen [u.a.]
Die von den Arolsen Archives zur Verfügung gestellten Dokumente.
besonders: Korrespondenz Irmgard und Margot Schäfer: 6.3.3.2. / 85610408-430 und 6.3.3.2./ 85610446-73 ITS Digital Archive, Arolsen Archives.

HHStAW 520 / 05 29045
HHStAW 518/ 28257

Erarbeitet von Paula Miriam Metzger und Lilith Rabea Ohr


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