Samuel Mainzer

„Nun schlugen sie mit der Axt sinnlos das abgestellte Möbel zusammen.“  Martin Denger, 1962

Samuel Mainzer, geboren am 8. Oktober 1888 in Darmstadt, gestorben am 20. September 1940 in Darmstadt, betrieb 35 Jahre eine Metzgerei in der Kranichsteinerstr. 35 in Darmstadt. Diese musste er infolge „nationalsozialistischer Verfolgungsmaßnahmen“ aufgeben. Nach seinem Tod, der Deportation und Ermordung seiner Frau Diana, geborene Pauly, und deren Tochter Rosel wurde am 5.3.1942 sein Eigentum, die Hofreite in der Kranichsteiner Straße, vom NS-Staat eingezogen. Neben dieser Hofreite besaß die Familie  eine weitere in der Lichtenbergstraße 58, inklusive Grasgärten. Seine Tochter Irma konnte im Juni 1938 über Amsterdam in die USA emigrieren und stellte nach 1945 einen Entschädigungsantrag. Deshalb sind Zeugenaussagen vorhanden, die Einblick in das Novemberpogrom und das Leben der Familie Mainzer in Darmstadt geben. Irma Goldkorn, geborene Mainzer, benennt die „nationalsozialistisch[e] Verfolgungsmaßnahmen“ gegen ihren Vater: 

„Er wurde am 08.11.1938 festgenommen und für längere Zeit im KZ Buchenwald festgehalten. Später wurde er in Darmstadt durch die Gestapo erneut verhaftet und in das Gefängnis ,Runder Turm‘ verbracht, wo er am 20.09.1940 umgekommen ist. Nach der damaligen Bekanntgabe sei er ,freiwillig‘ durch Erhängen aus dem Leben gegangen sein. Es kann nach allem kein Zweifel daran bestehen, dass sein Tod auf die Verfolgungsmaßnahmen zurückzuführen ist.“

Dass Samuel Mainzer anlässlich der Novemberpogrome verhaftet wurde und vom 11. November 1938 bis 10. Dezember 1938 im KZ Buchenwald als sog. „Aktionsjude“ inhaftiert war, ist den Zugangs- und Entlassungslisten aus dem KZ Buchenwald zu entnehmen. Auch wie das Novemberpogrom den Besitz der Familie Mainzer zerstörte, kann gezeigt werden.

In der Kranichsteiner Straße 35 wohnte die Familie Mainzer und betrieb dort auch 35 Jahre lang einen modernen Metzgereibetrieb. Die Hofreite wurde in einem Bombenangriff auf Darmstadt zerstört. Samuel Mainzer war zu der Zeit bereits im Rundeturmgefängnis in Darmstadt in den Suizid getrieben, seine Ehefrau und seine Tochter Rosel nach Piasky deportiert und ermordet worden. Heute erinnern die vom Arbeitskreis Stolpersteine verlegten Stolpersteine an die Familie.
(siehe zu seiner Biografie auch: Jutta Reuss/ Dorothee Hoppe: Stolpersteine in Darmstadt (2013)

„Bereits im Jahre 1936 – 37 konnten die Kohlelieferungen nicht mehr offiziell erfolgen…“ Wilhelm Zimmermann, 1962

Darmstädter erinnern sich an Samuel Mainzer

Samuel Mainzer und Wilhelm Zimmermann hatten Jahre lang geschäftlich miteinander zu tun. Aus dem Grund kannten sie sich. Wilhelm Zimmermann kann Einblick in die nationalsozialistischen Verfolgungsmaßnahmen und gesellschaftlichen Ausgrenzung der Familie geben, da er die Geschäftsbeziehung nicht abbrach, sondern der Familie heimlich die Kohlen weiterhin auslieferte. Die Aussagen von Wilhelm Zimmermann bestätigen, dass die Familie Mainzer zu der Zeit sehr wohlhabend war. Er erwähnt, dass sie viele wertvolle Gegenstände besaßen und kann noch den ungefähren Wert der Gegenstände nennen und so das Ausmaß der Zerstörung und Vernichtung des Vermögens der Familie zeigen.
Auch wenn Wilhelm Zimmermann nicht direkt das Zerschlagen des Eigentums der Familie Mainzer miterlebte, hat er doch das Ausmaß der Zerstörung durch den Pogrom gesehen und kann bezeugen, in welchem Zustand sich die Wohnungs- und Geschäftseinrichtung der Familie Mainzer am Morgen befanden. Er sah, dass die Möbel der Familie zerstört auf der Straße lagen, die aus dem Fenster herausgeworfen worden sind.

Wilhelm Zimmermann, geb. in Darmstadt, wohnhaft in Darmstadt, Kohlenhändler, bezeugte 1962, dass er bereits vor 1933 Kohlen an die Familie Mainzer geliefert habe. Aus dem Grund sei ihm die Familie gut bekannt und er habe des Öfteren die Gelegenheit gehabt, in ihre Wohnung einzutreten. Aufgrund nationalsozialistischer Verfolgung hätten im Jahre 1936-37 die Kohlenlieferungen nicht mehr offiziell erfolgen können, sondern er habe sie abends dorthin liefern müssen, um nicht unnötig aufzufallen.
Wilhelm Zimmermann war Augenzeuge am Morgen nach dem Novemberpogrom und sah, dass die Möbel der Familie Mainzer auf der Straße lagen. Diese seien aus den Fenstern des 1. Stockwerkes herausgeworfen worden. Des Weiteren seien Federbetten aufgeschnitten und auf die Straße geschüttet worden. Die zerschlagene Ladentheke aus der Metzgerei habe auch auf der Straße gelegen. Wilhelm Zimmermann weist darauf hin, dass diese Theke ein besonders schönes Stück gewesen sei: „Sie war aus Marmor und gelblichblauen Majolikaplatten und stellte zur damaligen Zeit mindestens einen Wert von 3000,- DM dar.“
Des Weiteren bestätigte er, dass die Familie viele wertvolle Möbel und Gemälde besaß und schätzte den „Wert von Wohnung und Geschäft auf ca. 40.000,- DM vor der Zerstörung.“ Dass er den Wert der Einrichtung nach dem Pogrom auf nur noch 1000,- DM schätzte, zeigt das Ausmaß der Gewalt und Zerstörung.

In der Kranichsteiner Straße 35 waren die Wohn- und Geschäftsräume der Familie Mainzer. Die Hofreite wurde in einem Bombenangriff auf Darmstadt zerstört. befindet sich an der Stelle ein Parkplatz (Foto 2020)

„Zwischen 7 und 8 Uhr stand ich auf der Schwelle meiner Eingangstür zum Salon, als ein Pkw sich in schneller Fahrt näherte…“ Martin Denger, 1962

Martin Denger ist ein sehr wichtiger Zeuge, da er die Gelegenheit hatte, das Geschehen mit zu beobachten. Martin Denger besaß einen Friseursalon, der dem Metzgerbetrieb der Familie Mainzer schräg gegenüber lag. Die Familie Mainzer war ihm deshalb gut bekannt und gehörte zu seiner Kundschaft. Er hat den kompletten Gewaltexzess miterlebt und kann auch die Handlung genau schildern. 

Martin Denger, geb. in Darmstadt, wohnhaft in Darmstadt, Frisör, gab 1962 an, dass die Familie Mainzer sehr vermögend war. Er weiß, dass „Mainzer je ein Haus in der Kranichsteiner Straße und in der Lichtenbergstraße besaß. In dem Hause in der Kranichsteiner Straße unterhielt er eine große 5-Zimmerwohnung, welche sehr wertvoll eingerichtet war.“ Am Morgen der Pogromnacht wurde er Augenzeuge der Zerstörungen an dem Eigentum der Familie Mainzer. Er berichtete, dass zu Beginn „der Aktion“ ihn einer der drei Täter aufgefordert habe, seine Tür von innen zu schließen, damit ihm nichts passiere. Er habe daraufhin in seinem Laden hinter dem Vorhang gestanden und das Geschehen beobachtet. Die Zerstörung habe dann ungefähr 10 bis 15 Minuten gedauert. Danach seien Ladeneinrichtung und das Wohnzimmer nur noch ein Trümmerhaufen gewesen.  
Martin Denger schilderte ganz konkret, „Zwischen 7 und 8 Uhr stand ich auf der Schwelle meiner Eingangstür zum Salon, als ein Pkw sich in schneller Fahrt näherte und durch starkes Bremsen vor dem Laden des Herrn Mainzer hielt. Dem Kfz entstiegen 3 Uniformierte, die schwarze Hosen und Braunhemden trugen.“  Er sagte weiter aus, dass sie mit einer Axt den Rollladen zertrümmerten, der vor der Ladentür der bereits geschlossenen Metzgerei der Familie Mainzer heruntergelassen war. In dem ehemaligen Laden seien zu der Zeit Möbelstücke untergebracht gewesen. „Nach dem Rollladen zertrümmerten sie die Eingangstür und drangen in das Haus ein. Nun schlugen sie mit der Axt sinnlos das abgestellte Möbel zusammen. Es handelte sich um ein Mahagoni-Wohnzimmer. Teile davon warfen sie anschließend auf die Straße.“

Martin Denger ist damit ein direkter Augenzeuge des Novemberpogroms in Darmstadt: Er hat das Geschehen miterlebt und kann sich an den grausamen Moment erinnern, als die Nationalsozialisten das Geschäft, den Metzgereibetrieb von Samuel Mainzer, zertrümmerten. Wichtig hierbei ist, dass er das Geschehen nicht nur mit beobachtete, sondern dass Martin Denger, nach eigener Aussage, von den uniformierten Schlägern aufgefordert wurde, seine eigene Tür von innen zu schließen, damit ihm nichts passiere. Diese Handlung zeigt, dass und wie die nationalsozialistischen Täter sich gezielt gegen die jüdische Bevölkerung richteten.

„Ich kann mich noch genau eines Gesprächs erinnern, das ich kurz vor dem Tod des Herrn Mainzer mit ihm führte.“
Jakob Lautenschläger, 1962

Jakob Lautenschläger, geb. in Darmstadt, wohnhaft in Darmstadt, Metzgermeister, berichtete 1962, dass Samuel Mainzer ein Berufskollege war und mit ihm in geschäftlicher Verbindung stand. Er bestätigte, dass die Familie Mainzer „eine brave und anständige Familie“ war „von der es hieß, dass sie eine der reichsten sei.“ Weiterhin bestätigte auch er, dass Samuel Mainzer ein Haus in der Kranichsteiner Straße und ein Haus in der Lichtenbergerstraße besaß. Jakob Lautenschläger wies daraufhin, dass die Wohnung von Familie Mainzer für die damalige Zeit sehr prunkvoll eingerichtet war. Auch sei der Metzgerbetrieb sehr sauber und für die damalige Zeit sehr modern eingerichtet gewesen. Auch war ihm bekannt, dass in der Pogromnacht die Wohnungseinrichtung „von SS-Leuten total zertrümmert wurde“. Des Weiteren schilderte er, dass das Haus in der Kranichsteiner Straße später bei einem Bombenangriff zerstört wurde.

Damit erinnern mehrere Personen die Familie Mainzer als vermögend und wohlhabend, den Metzgereibetreib als sehr sauber und modern. Sie bezeugen auch die Zerstörung des Besitzes der Familie Mainzer durch die Nationalsozialisten und den Krieg.  

Das Gefangenbuch der Haftanstalt Darmstadt. Der Metzgermeister Samuel Mainzer wird unter Nr. 316 geführt.
Gefangenbuch der Stadt Darmstadt  1.2.2.1./ 11545410 ITS Digital Archive, Arolsen Archives.

Restaurierter Mauerteil des Rundeturmgefängnisses in Darmstadt, Blick von der Merckstraße Richtung Hiroshima-Nagasaki-Platz, 2020

Tod in Schutzhaft

Jakob Lautenschläger ist zwar kein Augenzeuge des Novemberpogrom, jedoch erinnert er sich an ein Gespräch mit Samuel Mainzer. Hierin wird deutlich, wie Samuel Mainzer sich fühlte und dass er Deutschland nicht verlassen wollte. Ins Exil zu gehen, wie seine Tochter Irma, schloss er für sich aus. Jakob Lautenschläger gab an, Samuel Mainzer dazu geraten zu haben, als sie sich über die politischen Entwicklungen unterhielten. „Unter Tränen“ habe er ihm geantwortet, „er fühle sich als guter Deutsche, der den 1. Weltkrieg vom Anfang bis zum bitteren Ende mitgemacht habe. Auch Kriegsauszeichnungen habe er sich dabei erworben. Er führte weiter aus, dass er sein Geld in Deutschland verdient hat und es auch in Deutschland verleben werde.“

Weiter erinnerte sich Jakob Lautenschläger, dass einige Tage nach dem Gespräch Samuel Mainzer von der Gestapo verhaftet und eine Woche darauf noch einmal in der unteren Rheinstraße beim Straßenbau gesehen worden sei. Auch bezeugte Jakob Lautenschläger, dass Frau Mainzer mit ihrer Tochter Rosel „abgeholt und nach dem Osten abtransportiert“ wurden.  Anne Hankewitz, Mieterin in der Kranichsteiner Straße 35, gab 1957 zu Protokoll, dass SA-Männer Rosel und Diana Mainzer aus dem Hause geschleppt und mit einem Lastwagen abtransportiert hätten. Die Miete habe danach ein vom Staat eingesetzter Kassierer eingezogen. Diana Mainzer wurde 1942 nach Piasky deportiert und ermordet. 

Jakob Lautenschläger ist ein besonders wichtiger Zeuge, da er das Gespräch mit Samuel Mainzer geführt hat, welches dessen Gefühle verdeutlicht. Auch kann er angeben, was mit Samuel Mainzer und seiner Familie nach den Novemberpogrom geschah. Seine Zeugenaussage bestätigt außerdem, dass die jüdischen Zwangsarbeiter, die im Juli 1940 verhaftet wurden, auch als „Schutzhäftlinge“ in Darmstadt Zwangsarbeit im Straßenbau leisten mussten. Außerdem wird deutlich, dass in Darmstadt bekannt war, dass Samuel Mainzer kurze Zeit nach der Verhaftung starb, denn es „hieß“, „er habe sich im Gefängnis erhängt.“


Abbildung
Gefangenbuch der Stadt Darmstadt  1.2.2.1./ 11545410 ITS Digital Archive, Arolsen Archives.

Zitate entnommen 
Entschädigungsakte HHStAW 23751

Quellen [u.a.]
Die von den Arolsen Archives zur Verfügung gestellten Dokumente.
HStAD G 24 1278, Bl. 126ff.
HHStAW 518 23751

Erarbeitet von Gülbahar Karaman


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